Was am 22./23.7.2005 mit 1200 Mädchen & Jungen spektakulär begonnen hat soll künftig „was ganz Normales“ sein: Kinderuni - Jetzt auch in Augsburg

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„Die älteste Orgel Süddeutschlands“ – welches Kind interessiert denn sowas?“ Gegenfrage: Was ist Kinderuniversität? Beide Fragen beantworteten recht deutlich diejenigen Schülerinnen und Schüler, die am 22. Juli – einem sonnigen Freitagnachmittag um 15.00 Uhr – zu der vom Musikwissenschaftler Prof. Dr. Franz Körndle mutig übernommenen allerersten Vorlesung am Auftaktwochenende der Kinderuniversität Augsburg rund 300-köpfig anrückten. In den weiteren Vorlesungen – eine folgte noch am Freitag, die beiden anderen am Samstagnachmittag – wurde es dann nicht nur noch voller, sondern von den 600 Einlasskarten, die für jede Vorlesung ausgegeben worden waren, war keine einzige mehr übrig geblieben: Kinderuni eben – so, wie man sie aus anderen Universitätsstädten kennt. Jetzt auch in Augsburg!

Seit vor zwei Jahren die Universität Tübingen die Idee hatte – für die sie mittlerweile mehrfach ausgezeichnet wurde –, boomen Kinderuniversitäten in ganz Deutschland. Ab jetzt können auch 8- bis 12-Jährige Augsburgerinnen und Augsburger und ihre Altersgenossinnen und –genossen aus dem Umland in den Genuss dieser Idee kommen, ohne weite Anreisen in Kauf nehmen zu müssen. Auf Initiative der beiden Historiker Martin Kaufhold und Gregor Weber und ihres Informatik-Kollegen Wolfgang Reif – alle drei offenbar überzeugte Verfechter interdisziplinärer Zusammenarbeit und noch überzeugter Väter von Töchtern und Söhnen im kinderuniversitätsfähigen Alter – startete am 22. und 23. Juli 2005 die Kinderuniversität Augsburg mit vier Vorlesungen. Mit zwei bis drei „ganz normalen“ Kindervorlesungen pro Semester – jeweils an einem Samstagvormittag – soll sie zur festen Einrichtung werden.

Die Idee ist – wie gesagt – nicht neu und schon gar nicht augsburgerisch. Lohnt es sich also – zumal im Zeitalter der Profilbildung! –, in diese Idee zu investieren, anstatt sich der unablässigen Jagd nach Alleinstellungsmerkmalen zu widmen? Ganz grundsätzlich: Was würde eigentlich (aus dem Rohstoff Geist), wenn jede Universität im verzweifelten Ringen um Konkurrenzfähigkeit und einen Platz in der Champions League – nur noch das täte, was nicht auch eine andere tut? Aber bis zum Zweifeln am Absurden braucht man sich gar nicht zu versteigen. Es genügt bereits, wenn man sich – wie die Initiatoren dies getan haben – fragt, welchen einsichtigen, also jenseits hochschulpolitischer Profilneurotik liegenden Grund es geben sollte, eine mittlerweile weit verbreitete und nachweislich gute Idee nicht auch in Augsburg umzusetzen. Wenn der ortsansässige Rohstoff Geist davon bereits in seinen Kinderjahren doch nur profitieren kann – und dies, wie sich gezeigt hat, mit dem selben Spaß und derselben Freude, wie andernortes auch.

Bei ihrer Kollegin Eva Matthes (Pädagogik) sowie ihren Kollegen Franz Körndle (Musikwissenschaft) und Armin Reller (Festkörperchemie) stießen Kaufhold, Reif und Weber mit ihrer Initiative sofort auf offene Ohren: Sie übernahmen ohne zu zögern drei der vier Auftakt-Vorlesungen des Kinderuni-Startwochenendes, die vierte übernahm Kaufhold selbst.

Der Vater des Sohns, der nicht Bruder des Euro sein will.

Ebenso spontan gab der Vorsitzende des Kuratoriums der Universität Augsburg, Dr. Theo Waigel, seine Zusage, die Kinderuni Augsburg zu eröffnen. Weniger vielleicht als Vater des Euro, um so mehr aber als Vater eines 10-jährigen Sohnes, der seinerseits seinen Vater mit dem Problem konfrontiert haben soll, nicht Bruder des Euro sein zu wollen, weiß der ehemalige Bundesfinanzminister wohl, wie wichtig es ist, schon im Kindesalter fundamentalen Missverständnissen und fatalen Fehldeutungen vorzubauen. Und wozu sonst sind Universitäten eigentlich da, wenn nicht zum Stiften von Orientierung in einer Welt, in der die Kluft zwischen der Realität und den Begriffen, mit denen sie kommuniziert und vernebelt wird, unablässig wächst.

Ohne auf dieses Problem explizit einzugehen, machte Waigel sein Kinder-Auditorium darauf aufmerksam, dass das mit dem Orientierungstiften manchmal nicht so recht funktioniert, weil die Professoren oft so kompliziert reden würden, dass man sie einfach beim besten Willen nicht verstehen könne. Deshalb halte er die Kinderuni für eine prima Sache. Denn hier seien die Professoren gezwungen, so zu reden, dass man sie versteht.

Herausforderung für die Wissenschaft(ler)

Zugegeben, das war nicht unbedingt ein Kompliment an die deutsche Wissenschaft und ihre kommunikative Kompetenz, aber den Kindern (und vermutlich auch ihren Eltern, die die Vorlesungen auf der Video-Leinwand in einem separaten Hörsaal verfolgen konnten) hat diese Solidarisierung gegen die Elfenbeintürmer bestimmt gefallen, und vor allem: Aufgrund der Erfahrungen andernorts, sind Kindervorlesungen in der Tat der Ort, wo Professoren ihre fatalsten Bauchlandungen erleben können: Denn wo 19- bis 25-Jährige halt die Zeitung rausholen oder ein bisschen dösen oder leise mal eben rausgehen, wenn’s zu hoch oder zu langweilig wird, da reagieren ein paar Hundert 8- bis 12-Jährige naturgemäß wesentlich weniger vornehm und verständnisvoll, zumal sie in der Regel keine Zeitung dabeihaben und auch nicht wissen, wo die Cafeteria ist, in der man den Rest der Vorlesung frustfrei verbringen könnte.

Respektlos-mutiger Kasperl

Ebenfalls frei von überbordendem Respekt vor Universität und Wissenschaft und dergleichen – wer hätte ihm den auch abgenommen! –, aber sehr kooperativ und engagiert bei der Gestaltung des Rahmens zeigte sich der Kasperl aus der Augsburger Puppenkiste. An den Fäden von Klaus Marschall, des Puppenkistenchefs höchstpersönlich, führte er auf seine Art in jede der vier Vorlesungen ein. Und das, wo er doch, wie er gestand, von der Universität keine Ahnung habe; zum Studieren habe er nämlich nie Zeit gehabt, weil er immer schon Theater habe spielen müssen. Um so höher war es ihm anzurechnen, dass er sich zum Schluss sogar noch darauf einließ, in der Chemie-Vorlesung von Armin Reller als Hilfslaborant die Risiken der Mitwirkung an gefährlichen Versuchen einzugehen.

Zauberei: Mit dem Baumwoll-T-Shirt durch die ganze Welt

Rellers Vorlesung war es, für die die kostenlosen Tickets, die es beim AZ-Kartenservice RT.1 gab, am schnellsten vergriffen waren. „Wenn ich doch zaubern könnt’!“ – dieser Titel über dem Untertitel „Was hat ein Baumwoll-T-Shirt mit Chemie zu tun?“ verfehlte seine Wirkung nicht. Zugegeben: wer nur gekommen wäre, um es blitzen zu sehen und knallen zu hören, den hätte der auch aufgrund seiner traditionellen Faschings- und Weihnachtsvorlesungen berüchtigte Universitätsalchemist zwar keineswegs enttäuscht. Worum es Reller aber tatsächlich ging und wozu alles, was an „Zauberei“ geboten wurde, auch einen sinnigen Beitrag leistete: als „Stoffgeschichtler“, der den bewussten und nachhaltigen Umgang mit den Stoffen des Alltags als unverzichtbare Voraussetzung dafür sieht, dass wir eine Zukunft haben, nahm Reller seine Hörerinnen und Hörer mit auf eine Reise durch die Geschichte der Baumwolle. Sie hat vor 5000 Jahren begonnen; seither begleitet die Baumwolle den Alltag des Menschen und wir gestalten sie heute mit, allein durch das T-Shirt z. B., das wir tragen. Dies freilich meist, ohne uns bewusst zu sein, wie es dazu gekommen ist, dass wir heute mit größter Selbstverständlichkeit unser Baumwoll-T-Shirt überstreifen, ohne uns bewusst zu sein, welche Auswirkungen es hatte und hat, dass es dazu gekommen ist, und ohne uns bewusst zu sein, welche Konsequenzen es hat, wie wir mit diesem T-Shirt umgehen. Über die Altkleidersammlung kehrt es vielleicht dorthin zurück, wo unter erbärmlichen Bedingungen jene Baumwolle gepflückt wurde, aus der es in einem über die ganze Welt verteilten Verarbeitungsprozess hergestellt wurde, um uns dann zum Spottpreis verkauft zu werden.

Wie wurde man eigentlich König im Mittelalter?

Fast ebenso rasch wie die Chemie- gingen auch die Mittelalter-Tickets weg. „Wie wurde man eigentlich König im Mittelalter?“: Welches vernünftige Kind würde die Antwort auf diese Frage nicht interessieren, wenn doch sogar Erwachsene – selbst solche, die ansonsten ganz vernünftig geblieben sind – gierig die Klatschspalten verschlingen, wenn Könige zu Königen werden oder Prinzessinen heiraten (oder auch schöne Bürgerliche), die durchs Heiraten dann zu Königinnen werden. Und dies, obwohl das alles heute je keinerlei Bedeutung mehr hat und man – keine Frage – König in der Regel halt dadurch wird, dass der Vater oder die Mutter stirbt.

Ganz anders im Mittelalter

Ganz anders im Mittelalter: Da war für die Könige noch die Politik-Redaktion zuständig und nicht das Ressort „Buntes und Vermischtes“. Und da musste man nicht unbedingt Königskind sein, um König zu werden; manchmal war das sogar hinderlich, weil das Königtum eben noch mit Macht und Politik zu tun hatte. Wie heute freilich musste man nicht unbedingt klug sein, um König werden zu können (wobei das allerdings nicht schadete). Und wichtiger, als schreiben und lesen zu können, war’s, ein guter Reiter zu sein. Auch auf die Frage, was alles bei einer Krönung geschah, ging Kaufhold ausführlich ein – nicht so ausführlich zwar, wie ARD, ZDF, SAT 1, RTL und all die anderen das tun, wenn heute mal wieder irgendwo gekrönt wird, aber dafür mit gutem Grund: Denn damals bekam der König durch die Krönung das, wodurch er über andere bestimmen konnte, das also, was heute a) nicht mehr Könige und b) folglich auch nicht durch Krönungen bekommen. Ob und inwiefern das Leben der Könige im Mittelalter schön war, erfuhren Kaufholds Kinderstudentinnen und -studenten schließlich ebenso, wie dass sie nach unseren Vorstellungen nicht gerade sehr alt wurden, dass das damals aber keineswegs ein Privileg der Könige war.

Pädagogisch bedenklich ...

Pädagogische Bestürzung bereits bzw. eigentlich nur im Vorfeld löste der Titel aus, den die Pädagogin Eva Matthes über ihre Vorlesung zur „Kindererziehung in früheren Zeiten“ gestellt hatte: „Wo es Kinder gab, da gab es damals auch Prügel, und meistens ganz heftige“, lautete dieser Titel.

... aber „einfach super!“

„‘Kinder und Prügel – und zwar heftige ...’ Da ich selbst Erzieherin bin und nach einigen Jahren Berufserfahrung nun Pädagogik studiere, bin ich über diesen Titel fassungslos! Muss das sein und, wenn ja, gibt es keine bessere Wortwahl? Bzw. was soll diese Vorlesung bezwecken? Als Pädagogin fiel mir dazu nichts mehr ein, außer diese Mail an Sie zu senden.“ Ansonsten sei die Idee, Kindern und Eltern das Unileben spielerisch bzw. interessant näher zu bringen, zu informieren und zu bilden „einfach super“, denn mehr denn je sei es wichtig, eine gute Ausbildung zu bekommen und von Familie und Staat gefördert zu werden.

Tja, da sitzt man dann da vor seiner Mailbox in der Pressestelle und fühlt sich durch dieses Kompliment wie der Nagel auf den Kopf getroffen; zugleich freilich ist man unter diesen Umständen dann auch irgendwie gehemmt, einfach zurückzufragen, welche andere Wortwahl denn geeigneter wäre zur Formulierung der Tatsache, dass es damals, wo es Kinder gab, auch Prügel gab, und zwar meistens ganz heftige. Und gegen die Vorstellung, dass es unter pädagogischen Gesichtspunkten richtig oder wenigstens modern sein könnte, endlich mal einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen, um dementsprechend der Kritik der Pädagogin an dem von der Pädagogin gewählten Titel Recht geben zu müssen, sträubt sich die eigene Historiker-Vergangenheit mit ihrem Faible für’s „Wie es eigentlich gewesen“.

Jjjjjjja!

Ein Dilemma also. Eines allerdings, aus dem sich dann ein gewissermaßen kinderleichter Ausweg ergab: 600 Kinder wollten – völlig freiwillig – von Eva Matthes erfahren, wie das mit der Kindererziehung in früheren Zeiten denn nun eigentlich gewesen. Kein Kind wurde gesichtet, das aus Angst vor bevorstehenden Prügelorgien mit zitternden Knien reingegangen wäre in die Vorlesung. Und soweit ein Laie das beurteilen kann, kam auch keines mit Symptomen für soeben verursachte bleibende psychische Schäden heraus. Im Gegenteil: Der eine, der nach der letzten der drei „Klausuren“, die in dieser Vorlesung stattfanden, festgestellt hatte, dass er alle drei Arbeitsblätter fehlerfrei ausgefüllt hatte, und dementsprechend mit geballt-gestreckter Rechter und einem markigen „Jjjjjjja!“ aufgesprungen war – der strahlte jetzt immer noch über’s ganze Gesicht und wusste nun obendrein, welch gravierenden Unterschied es früher machte, ob man als Kind nun ins Bauern- oder Bürgertum oder in den Adel hineingeboren worden war. So ziemlich das einzige, was man damals konstant und ohne Ansehen des Standes erzieherisch abbekam, waren – Prügel. Heute ist das anders. Gut so, oder? Jjjjjjja!

Kinderuni versus Kindergarten

Kinderuni ist nicht Kindergarten. Eine Vorlesung ist – auch an der Kinderuni – keine Kuschelecke. Und es kann auch nicht nur darum gehen, für Kinder das, was sie sowieso interessiert und was sie sich überall holen können, zur Abwechslung halt mal mit universitärem Firlefanz aufzubereiten, um sich und der Welt mit einem kinderüberfüllten Hörsaal und mit dementsprechend vielen Eltern auf dem Campus die Befähigung zu professionellem Hochschulmarketing-Eventmanagement zu beweisen. Es reicht doch schon, dass die Universitäten unaufhaltsam vor sich hin verkümmern, weil sie den rund zehn Jahre älteren Regel-Kommilitoninnen und -Kommilitonen der Kinderstudentinnen und -studenten nur noch das Beschränkte, Gängige und Orch-Ideen-Phobe bieten sollen, wofür diese sich unter dem Diktat arbeitsmarktlicher Verwertbarkeitsperspektiven interessieren dürfen. Lasset also die Kindlein zu mir kommen, sagt sich da die Universität und wäre unter diesen Umständen doch fast blasphemisch, würde sie die Offenheit der plus/minus Zehnjährigen nicht nutzen, um neue Interessen zu wecken und der von der Sorge um die eigene Überlebensfähigkeit im globalisierten Arbeitslebensdschungel noch nicht kastrierten Neugierde auf Neues Genüge zu tun.

(Kinder-)Universität und Eventmanagement

Womit wir wieder bei der Frage wären, die am Anfang dieses Beitrags steht und die den Augsburger Kinderunimachern gestellt wurde, als sich abzeichnete, dass sich „Die älteste Orgel Süddeutschlands“ wohl nicht so recht eignen würde, um mit Fotos von einem bis auf den letzten Platz gefüllten Audimax via Lokalpresse der Welt zeigen zu können, dass es in Augsburg und Umgebung nicht eine(n) einzige(n) Acht- bis Zwölfjährige(n) gibt, die/der der Professionalität unseres Eventmanagements widerstehen könnte.

Welches Kind im Alter von acht bis zwölf Jahren – bitteschön – interessiert sich für die älteste Orgel Süddeutschlands? Zugegeben: Es waren – die Elternschaft, die sich mit der Videoübertragung der Vorlesung begnügen musste, nicht mitgerechnet – nur rund 300 Zuhörerinnen und Zuhörer (und damit weit, weit mehr als der Publikumsdurchschnitt bei Gastvorträgen und Festakten etc.). Diese rund 300 waren eine gute Dreiviertelstunde lang aufmerksam dabei, als ihnen der Musikwissenschaftler Franz Körndle erzählte, wie man es fertigkriegt, dass die 600 Pfeifen der fast 500 Jahre alten und dementsprechend ramponierten Kirchenorgel des Dorfes Gabelbach bald wieder so stehen und klingen werden, wie sie vor 500 Jahren gestanden und geklungen haben. Und natürlich wusste Körndle auch zu erklären, wie man überhaupt dahinterkommen ist, wie all die vielen Pfeifen damals gestanden und geklungen haben.

Von Marketing noch keine Ahnung

300 Kinder – nicht wenige von ihnen hatten ihre Geigenkästen dabei, weil sie wohl direkt vom Violin-Unterricht kamen oder noch zum Violin-Unterricht mussten – fanden das, was sie da erfuhren, ganz und gar nicht abseitig. Sie schämten sich auch nicht dafür, sich unverhohlen für ein Thema interessierten, das dem einen oder anderen Event- oder Marketingspezialisten im Vorfeld professioneller Anlass für überlegen bis mitleidig lächelndes Köpfschütteln war. Den Kindern sei’s verziehen: Sie wissen halt noch nicht so recht, worauf es bei Universität (und Kinderuniversität) wirklich ankommt. Und weshalb ihr 300-köpfiges Erscheinen deshalb ziemlich unprofessionell war.

Natürlich werden wir weitermachen!

Für die Initiatoren und Organisatoren der Augsburger Kinderuniversität ist die Tatsache, dass „Die älteste Orgel Süddeutschlands“ den Großen Hörsaal mehr als zur Hälfte gefüllt hat (während man, hätte man das Thema Erwachsenen geboten, realistischerweise doch eher gleich von Beginn an den Bert-Brecht-Hörsaal mit 150 Plätzen gebucht hätte), Anlass, sich in ihrem Vorsatz bestätigt zu fühlen: „Das Auftaktwochenende, an dem bei vier Vorlesungen der Große Hörsaal mit seinen 600 Plätzen einmal halb- und dreimal rammelvoll war, ist alles andere als eine nachträgliche Bestätigung der Bedenkenträger“, sagte Kaufhold: „Wir sehen keinerlei Grund, uns dem Klischee zu fügen, dass in Augsburg die Uhren einfach anders gehen würden als überall anderswo – und dass dementsprechend hier eben auch eine Kinderuniversität zum Floppen verurteilt sein müsse.“ Und Reif ergänzt: „Die Zahl der Kinderstudentenausweise, die wir ausgegeben haben“, ergänzt Reif, „lässt darauf schließen, dass gut 1200 Kinder an diesen beiden Tagen mindestens in einer, viele von ihnen aber auch in zwei, drei oder allen vier Vorlesungen waren. Das ist wahrlich kein Grund, es sich ‘nochmals zu überlegen’, ob man denn weitermachen soll! Natürlich werden wir weitermachen, und es wird uns auch gelingen, die Kinderuniversität Augsburg mit zwei bis drei ‘ganz normalen’ Kindervorlesungen pro Semesters als Selbstläufer zu etablieren.“

Wasserversorgung im Alten Rom gegen Wissensdurst

Die Planungen für das Wintersemester sind bereits im Gange: Nachdem Ko-Initiator Kaufhold als Kinderuniversitätsdozent vorerst bereits „aus dem Schneider“ ist, will Reif nicht darauf verzichten, seine angesichts seiner Ämter als Gründungsdekan der Fakultät für Angewandte Informatik und als Federführender des zu etablierenden Elitestudiengangs „Softwaretechnik“ etwas prekäre Work-Life-Ballance durch das Vergnügen der zusätzlichen Vorbereitung einer Kindervorlesung wieder etwas ins Lot zu bringen. Der Althistoriker Weber wiederum hat als dritter im Initiatoren-Bunde sein Forschungsfrei(sommer)semester nicht nur dazu genutzt, sich in die Organisation des Kinderuni-Auftaktwochenendes hineinzuknien; vielmehr hat er sich auch bereits erste Gedanken darüber gemacht, wie er an einem anstehenden Kinderuni-Samstage im kommenden Wintersemester, die Wasserversorgung im Alten Rom so aufbereiten könnte, dass Kinder zwischen acht und zwölf Jahren hier gerne ihren Wissensdurst stillen werden.

„Als diejenigen“, so Weber, „die das angezettelt haben, wollen wir unseren Kolleginnen und Kollegen nach dem Motto ‘Fürchtet Euch nicht!’ mit gutem Beispiel vorangehen. Allerdings machen mich der Spaß und der Erfolg, den Frau Matthes sowie ihre Mit-Pioniere Körndle, Kaufhold und Reller mit ihren Vorlesungen am 22. und 23. Juli gehabt haben, sowieso optimistisch, dass Kolleginnen und Kollegen aus allen Fakultäten Schlange stehen werden, um sich als Dozentinnen und Dozenten in der Augsburger Kinderuni-Faculty zu engagieren. Sie wissen jetzt ja, worauf sie sich ggf. einlassen, und können sich von denen, die’s schon gewagt haben, bestätigen lassen, dass es Vergnügen macht sich lohnt.“

Dank den Sponsoren und Helfern!

Nicht so recht gewusst, worauf sie sich einlassen, haben die Sponsoren, die den Auftakt der Augsburger Kinderuniversität unterstützt haben. Dass sie trotzdem mitgemacht haben, ist ihnen um so mehr zu danken – verbunden mit der Hoffnung, dass anfängliche Skepsis, sollte sie gegeben gewesen sein, gewichen sein mag und auch in dieser Beziehung die Fundamente für eine kontinuierlich-gedeihliche Augsburger Kinderuniversitätszukunft gelegt sind: Zu nennen sind hier insbesondere die Stadtsparkasse Augsburg, die einen namhaften Teil der „Kommunikationskosten“ getragen hat, und die Augsburger Allgemeine, deren redaktionelle Begleitung und deren finanzielles Entgegenkommen bei einer großformatigen Anzeige in einer Wochenendausgabe diese „Kommunikationskosten“ darstellbar gemacht haben. Gleichermaßen Dank gilt der Stadt Augsburg und hier besonders dem Bildungs- und Schulreferat und dessen Leiter Sieghard Schramm. Er hat es nicht nur erleichtert, die Schulleitungen und die Lehrerinnen und Lehrer trotz ihres Schuljahresendstresses noch als Kinderuni-Botschafter zu mobilisieren; er hat auch den Weg zum Entgegenkommen der Stadtwerke Augsburg geebnet: Wer ein Ticket für eine der vier Vorlesungen am 22. oder 23. Juli hatte, hatte damit auch ein Ticket, das am jeweiligen Tag für freie Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Universität und auch wieder zurück sorgte.

Kinderuniversität und Eltern

Und nicht zuletzt das Studentenwerk Augsburg: Dass es die Biergartenterrasse seiner „Alten Cafeteria“ am Uni-See auch am Freitag- und Samstagnachmittag bewirtete, war wichtiger Bestandteil des Kinderuni-Elternprogramms, zu dem auch mehrere Mitarbeiter der Universitätsbibliothek sowie die Kunstpädagogik-Studentin Jessica Freunscht und Dr. Helmut Karl vom Lehrstuhl für Experimentalphysik IV in ihrer Freizeit mit diversen Führungsangeboten beigetragen haben. Ohne freilich durch allzu große interessierte Elternmassen, die diese Angebote genutzt hätten, für ihr Engagement belohnt zu werden:

Die Väter, Mütter, Omas, Opas, Tanten und Onkel nämlich, die ihren bildungsbeflissenen Nachwuchs in die Universität begleitetet hatten, konnten zum allergrößten Teil nicht der Versuchung widerstehen, das, was der Sohnemann oder Fräulein Tochter da im Großen Hörsaal studierten, in zwei benachbarten Hörsälen per Videoübertragung zu verfolgen. Dr. Lutz Mauermann und Ulrich Fahrner vom Videolabor sowie den Mitarbeitern aus der Gerätetechnik der Zentralverwaltung sei Dank dafür, dass sie diese Videoübertragungen trotz mausbissbedingter Kabelschäden kurzfristig via Internet noch improvisieren konnten.

Die Anziehungskraft, die diese Videoübertragungen ausübten, bestätigen eine auch andernorts gesammelte Erfahrungen: dass nämlich die Eltern teilweise noch schärfer auf Kinderuniversität sind, als die Kinder selbst.

„Alles so schön und einfach besser als Schule“

Letzteren scheint es jedenfalls gefallen zu haben. Darauf lässt nicht nur die Stimmung schließen, die am 22. und 23. Juli 2005 – und so sonst wohl noch nie – im Großen Hörsaal geherrscht hat (wenn wir jetzt mal von einigen wenigen Auftritten historischer Alt-Bundeskanzler oder von anderen Medienstars vom Schlage Marcel Reich-Ranickis absehen). Auch im Nachhinein eingegangene „Weiter so!“-Mails von Eltern deuten darauf hin: „Einen lieben, herzlichen Dank für die wirklich gelungene Kinderuni-Veranstaltung“, hat eine Mutter z. B. dankesgemailt: „Ich gebe Ihnen einfach mal die Äußerungen von meinen beiden Mädels weiter, die ganz begeistert noch am Abend mir alles erzählen wollten (was übrigens sehr viel bedeutet, da sonst nicht von der Schule oder so ohne weiteres erzählt wird). Juana (9 Jahre) bemerkte jedenfalls, dass man sich sehr viel Mühe gegeben habe und dass es so schön ausgesehen habe. Auch den anderen Kindern habe dieses wirklich schöne Studienbüchlein gefallen. Denen habe allerdings noch der Stempel gefehlt – obwohl: so wichtig war dies denn auch nicht. Als ich dann meinte, dass eine Stunde im Hörsaal doch wohl so ähnlich sei wie eine Stunde Unterricht, gab es heftigen Protest: Kinderuni ist einfach besser als Schule, wurde mir entrüstet entgegnet.“

„Sie blöde Kuh!“

Natürlich ist Kinderuni nicht „besser als Schule“, sondern nur anders. Aber einer Neunjährigen sei’s nachgesehen, wenn sie das noch durcheinanderbringt. Formen, die einen ins Grübeln bringen, ob Kinderuniversitäten nicht womöglich den einen oder anderen Erwachsenen überfordern, nimmt’s an, wenn z. B. eine Mitarbeiterin vom AZ-Kartenservice RT.1, über den die kostenlosen Einlass-Tickets vergeben wurden, von jenem ihr unvergesslich bleibenden Anruf einer Mutter aus dem fernen Eichstätt berichtet: Sie brauche für ihre beiden Kinder unbedingt noch Karten für die Augsburger Kinderuni. Und für welche Vorlesungen es denn noch welche gebe? Und die, die es noch gebe, solle man ihr umgehend zuschicken! So die Eichstätter Mutter, die die Antwort, dass es für diese und jene Vorlesung noch Karten gebe, vorerst auch wirklich befriedigte und erleichterte. Der nachfolgende Hinweis hingegen, dass ein kostenloser Postversand der kostenlosen Tickets aus organisatorischen Gründen nicht möglich sei, führte zu einer ebenso langen wie fruchtlosen Diskussion, die dann abrupt mit einem „Besten Dank, Sie blöde Kuh!“ an die seither um eine Erfahrung reichere AZ-Kartenservice RT.1-Mitarbeiterin geendet haben soll.

„Lieber Gott! Was kann Kinderuni aus Müttern und Vätern womöglich machen!“, fragt man sich da. Ob die Kinder besagter Eichstätterin überhaupt wussten, dass ihre Mutter sie in Augsburg immatrikulieren wollte? Und ob sie dieses die Grenzen des – nicht nur akademischen – Anstands überschreitende mütterliche Engagement für ihre frühzeitige akademische Sozialisation auch tatsächlich zu schätzen gewusst haben oder hätten, die Kinder? Oder ob sie womöglich ganz froh waren, dass der Postversand der Tickets nicht geklappt hat, weil sie andernfalls, um nicht nachhaltig Ärger mit Muttern zu bekommen, eigens für eine Kindervorlesung hätten nach Augsburg fahren müssen?

Kinderuniversität ist nur dann, wenn sie denen, für die sie gemacht wird, auch wirklich Spass macht. Die Kinder aus Angst, aus ihnen würde sonst nichts werden, womöglich hinzuprügeln, liebe Eltern, bringt nichts. Zumal die Kinder dort dann ja z. B. lernen, dass Prügeln – jedenfalls in der Kindererziehung – der Vergangenheit angehört. Und außerdem: Die Kinder gehen schon hin, wenn es dort was gibt, was sie interessiert. Und das kann durchaus auch die älteste Orgel Süddeutschlands sein, wie wir gelernt haben.

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